Mein Kind sucht Aufmerksamkeit durch negatives Verhalten - 10 Tipps für eine ausgeglichene Erziehung

Sucht ihr Kind Aufmerksamkeit durch negatives Verhalten? In diesem Artikel erfahren Sie mehr über die Gründe und erhalten 10 wertvolle Tipps, was Sie dagegen tun können.

Dass Kinder ab einem bestimmten Alter ihre Grenzen austesten, ist normal. Wenn sie aber darüber hinaus immer wieder schwierige Verhaltensweisen zeigen, wie Zerstörungswut oder verbale Beleidigungen, kann dies für die Eltern zu einer Zerreißprobe werden. Dabei nicht in eine Negativspirale zu verfallen, ist eine besondere Herausforderung.
Hier gilt es, besonnen und adäquat auf die herausfordernden Verhaltensweisen des Kindes zu reagieren, denn sie sind auch eine Mitteilung an Sie als Bezugsperson.

Ursachen für negative Verhaltensweisen des Kindes

Als Synonym für den Begriff “negatives Verhalten” kann man auch “unerwünschtes” oder "herausforderndes" Verhalten als Begrifflichkeiten wählen. Die Ursachen dafür, warum ein Kind schwierige Verhaltensweisen zeigt und nach Aufmerksamkeit schreit, können sehr vielfältig sein.

Ein in der digitalen Zeit sehr häufiges Problem ist, dass Eltern viel mit dem Handy beschäftigt sind und dadurch das Kind mit seinen Bedürfnissen und Wünschen nicht im Blick haben (können). Die Folge: das Kind fühlt sich nicht gesehen und nicht beachtet. In diesem Fall versucht das Kind mitunter mit allen Mitteln, die Aufmerksamkeit der Bezugsperson zu erlangen.

Still Face Experiment

Das “Still Face” Experiment legt die Folgen dieser Situation für das Kind sehr deutlich dar: Bei diesem Experiment sitzt ein Baby vor der Mutter, die zunächst liebevoll mit ihrem Kind interagiert, dann aber ihre Mimik einfrieren lässt - dies geschieht auch, wenn Eltern auf ihr Handy schauen. Das Baby schaut zunächst irritiert und versucht daraufhin die Aufmerksamkeit der Mutter wiederzuerlangen durch Geräusche, Mimik und Bewegung. Als die Mutter aber nach wie vor nicht darauf reagiert, beginnt das Baby in der Studie zu quengeln und zu weinen.

Die Studie hat gezeigt, wie irritierend es für ein Kind ist, wenn die Bezugsperson nicht mit ihm interagiert und unterstrich, dass es bei regelmäßiger, fehlender Interaktion langfristig negative Folgen für die Bindung zwischen Eltern und Kind haben kann. Studien belegen, dass Kinder, deren Eltern über einen längeren Zeitraum immer wieder emotional nicht verfügbar waren oder auf ihre Bedürfnisse nicht eingegangen sind, eher Schwierigkeiten haben, anderen zu vertrauen, mit ihnen in Beziehung zu treten und ihre eigenen Gefühle zu regulieren.

Inkonsequente Erziehung und Lernen am Modell

Kinder brauchen klare Strukturen und klare Regeln. Wenn Eltern wenig bis keine Regeln vorgeben und/oder diese nicht konsequent einhalten, verunsichert das Kinder sehr stark.
Ebenso, wenn Eltern ein und dasselbe Verhalten einmal akzeptieren, ein andermal aber sanktionieren. So weiß das Kind nicht, woran es ist und wie es sich verhalten soll bzw. es weiß nicht, was nun erlaubt und erwünscht ist bzw. was nicht toleriert wird.

Auch sollten sich beide Eltern abstimmen in der Erziehung und in dem, was sie von den Kindern erwarten und was sie nicht tolerieren wollen, weitgehend einig sein.

Ein ganz wichtiger Faktor in der Erziehung ist die Modellfunktion, die Sie als Eltern haben.
Die Kinder richten sich stark am Verhalten der Eltern aus und ahmen diese nach. So ist es essentiell, dass Sie als Eltern die Regeln, die Sie vorgeben, auch selbst einhalten und sich auch immer wieder selbst dabei reflektieren. Das bewirkt, dass die Kinder auch selbst die Regeln (zumindest leichter) einhalten (können).

Außerfamiliäre Betreuung

Auch im Kindergarten oder in der Schule kann ein Kind in seinen Reaktionen beeinflusst werden. Die Eindrücke, die auf das Kind einwirken, können unter Umständen das Kind verunsichern und/oder unter hohen Stress setzen. Um nun diesen negativen Stress abzubauen, kann das Kind, zumindest vorübergehend, Verhaltensweisen zeigen, die Eltern verunsichern oder selbst in Stress versetzen, z.B. indem es absichtlich Sachen zerstört, nicht hören will/kann und aggressive Verhaltensweisen zeigt.

Kind sucht Aufmerksamkeit durch negatives Verhalten

Belastete Eltern

Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen, ist vor allem für Mütter zuweilen eine Herkulesaufgabe, die eine hohe Belastung und hohen Stress verursachen kann.
In einer solchen Situation die Kinder mit ihren Wünschen, ihren eigenen Unsicherheiten, ihren Fragen, Ängsten immer im Blick zu behalten, ist dabei nicht immer möglich.
Bei Kindern kann dies zu einem Gefühl des „Nicht-gesehen-werdens“ führen, was wiederum dazu führen kann, dass sie die Aufmerksamkeit der Eltern durch unerwünschte, aggressive Verhaltensweisen einfordern, nach dem Motto: „Lieber negative Aufmerksamkeit als gar keine“.

Allerdings kann dies dann zu einem Teufelskreis führen, da das Kind weiterhin vor allem das unerwünschte Verhalten zeigt, weil es lernt, dadurch die Aufmerksamkeit der Eltern zu bekommen.
Hier ist es wichtig, diesen Teufelskreis zu durchbrechen, beispielsweise durch klare Kommunikation, wann Sie Zeit für die Anliegen Ihres Kindes haben oder auch durch das Festlegen von Zeiten, die Ihnen und Ihrem Kind vorbehalten sind.
Dadurch lernt das Kind, dass seine Anliegen gesehen und respektiert werden, dass diese aber nicht immer sofort erfüllt werden können.

Verstärkung von negativem Verhalten

Lernt das Kind, dass es nur durch unerwünschtes Verhalten Aufmerksamkeit bekommt und dieser Teufelskreis durch die Eltern nicht durchbrochen wird, kann sich das unerwünschte Verhalten des Kindes verfestigen.
Es kann sich aber auch dadurch verfestigen, dass die Eltern das unerwünschte Verhalten sanktionieren und weiterhin die Bedürfnisse des Kindes ignorieren.
So fühlt sich das Kind doppelt bestraft und zurückgesetzt und wird seine unerwünschten Verhaltensweisen weiterhin zeigen, da dies zumindest Aufmerksamkeit garantiert, wenn schon seine Bedürfnisse nicht befriedigt werden.

Wie Sie Ihr Kind stattdessen beruhigen wollen und welche angemessenen Reaktionen geeignet sind, erfahren Sie in den untenstehenden 10 Tipps.

Krankheit eines Elternteils oder Geschwisterkindes

Die Erkrankung eines Elternteils oder eines Geschwisterkindes fokussiert viel Aufmerksamkeit darauf, da sich alle Sorgen um das erkrankte Familienmitglied machen.
Allerdings kann sich das gesunde Kind dadurch nicht gesehen und nicht wertgeschätzt und in der Folge ungeliebt fühlen.
Hier ist eine offene Kommunikation wichtig, die das gesunde Kind immer mit einbindet, indem auch seine Fragen und Ängste ernst genommen und ehrlich beantwortet werden.
Wichtig ist auch, Zeit allein mit dem gesunden Kind zu verbringen, auch wenn es nicht viel Zeit ist.

Übermäßige Erwartungen der Eltern an das Kind

Auch übermäßige Erwartungen an ein Kind können negatives oder unerwünschtes Verhalten auslösen, wenn Eltern beispielsweise erwarten, dass das Kind Abitur machen muss oder einen bestimmten Beruf ergreifen soll, ungeachtet seiner Fähigkeiten und Begabungen.
Oder wenn Eltern wollen, dass das Kind ein bestimmtes Instrument lernt, das aber nicht seinem Interesse entspricht. Dasselbe gilt für eine bestimmte Sportart.

Allen Fällen ist gemein, dass Eltern ihr Kind dadurch überfordern und zugleich andere Begabungen und Talente übersehen und diese dadurch nicht gefördert werden können.
Dies kann zu großer Frustration, zu Ärger und Demotivation beim Kind und infolgedessen zur Rebellion den Eltern gegenüber führen.
Dies führt dann unweigerlich zu Verhaltensweisen, die Eltern wiederum schwer akzeptieren können. Ein Teufelskreis entsteht.
Hier ist es wichtig, dem Kind zuzuhören und zu versuchen zu verstehen, wo seine Wünsche, Talente und Grenzen liegen.

Mein Kind sucht Aufmerksamkeit durch negatives Verhalten - 10 Tipps

Wenn Ihr Kind Aufmerksamkeit durch negatives oder unangemessenes Verhalten zeigt, stecken häufig Ursachen dahinter, die Sie als Elternteil beeinflussen oder gar verändern können. Sogenannte “negative Verhaltensweisen” können zum Beispiel darin liegen, dass ein Kind absichtlich Sachen zerstört oder nicht hören will.

Die folgenden 10 Tipps zeigen auf, was Sie in diesen Situationen tun könne:

1. Klare Kommunikation

Eine klare Kommunikation schafft Sicherheit, da alle wissen, um was es geht.
Benennen Sie Ihrem Kind gegenüber klar, was Sie von ihm wollen, was Sie von ihm erwarten. Viele Eltern formulieren eine Aufforderung an das Kind oft als Frage, z.B. „Kannst Du bitte den Tisch decken?“ Sagt das Kind nun „Nein“, wird es sofort von den Eltern aufgefordert, den Tisch zu decken, dabei kann eine Frage grundsätzlich mit einem „Ja“ oder einem „Nein“ beantwortet werden. Es verunsichert Kinder, wenn sie eine doppelte Botschaft erhalten – einerseits eine Frage, andererseits aber gleichzeitig eine Aufforderung.
Äußern Sie also Ihre Aufforderungen an das Kind auch als Aufforderung oder akzeptieren Sie ansonsten die Antwort (also ein Nein). Das vermittelt dem Kind ein Gefühl von Sicherheit und Klarheit.

Eine klare Kommunikation äußert sich auch dadurch, dass Sie Botschaften, die Sie dem Kind mitteilen möchten, als „Ich-Botschaften“ formulieren statt als „Du-Botschaften“. Wenn Sie sich also über Ihr Kind ärgern, formulieren Sie es klar: „Ich ärgere mich gerade sehr darüber, dass Du nicht den Tisch deckst…“, anstatt zu sagen: „Du hörst nie zu, wenn ich Dir sage, Du sollst den Tisch decken“.

2. Interesse für das Kind zeigen

Jedes Kind möchte gesehen werden, vor allem von seinen Eltern. Kinder möchten das Gefühl haben, dass sie wichtig für ihre Eltern sind.
Sucht ein Kind Aufmerksamkeit durch negatives Verhalten, steckt meist der Wunsch dahinter, gehört und gesehen zu werden.

Hören Sie Ihrem Kind zu und nehmen Sie es ernst mit dem, was es zu sagen hat.
Fehlt Ihnen gerade die Zeit, kommunizieren Sie es klar und legen Sie eine alternative Zeit fest, die nur Ihrem Kind und seinem Anliegen gehört.
So fühlt sich das Kind gesehen und wertgeschätzt und vor allem gibt es Ihrem Kind die Sicherheit, dass es für Sie wichtig ist.

3. Zeitmanagement

Im Hamsterrad zwischen Familie, Beruf und Alltag besteht die Gefahr, dass die gemeinsame “Quality time” mit der Familie vernachlässigt wird. Deshalb kann es hilfreich sein, mehrmals wöchentlich oder sogar täglich einen bestimmten Zeitraum zu reservieren, der nur Ihnen und Ihrem Kind gehört.

Wenn Sie mehrere Kinder haben, teilen Sie diese Zeit so ein, dass jedes Kind zu gleichen Teilen Ihre Aufmerksamkeit bekommt. Und wenn es nur eine halbe Stunde ist (es geht in erster Linie um Qualität, weniger um Quantität) - in dieser halben Stunde weiß das Kind, dass es Ihre uneingeschränkte Aufmerksamkeit hat.

Sicherheit und Verlässlichkeit schenken dem Kind Geborgenheit und verringern den inneren Stress, der in einem Kind entsteht, wenn es glaubt, um die Aufmerksamkeit der Eltern kämpfen zu müssen.

Kind sucht Aufmerksamkeit durch negatives Verhalten

4. Gemeinsame Rituale ohne Ablenkung

Gemeinsame Rituale schaffen durch ihre Wiederholung Sicherheit, Geborgenheit und stärken die Bindung zwischen Kind und Eltern. Kinder können sich täglich darauf freuen und fühlen sich wertgeschätzt und eingebettet in ein Familiensystem.

Rituale müssen keinesfalls immer täglich stattfinden und können beispielsweise die abendliche Gute-Nacht-Geschichte sein oder der „Kino-Sofa-Abend“ am Wochenende oder dass sich das Kind an einem Tag in der Woche ein besonderes Essen wünschen darf.

5. Positive Interaktion, auch bei unerwünschtem Verhalten

Auch wenn Ihr Kind negatives Verhalten zeigt oder aggressiv wird, ist es wichtig, dass Sie in Ihrer Interaktion positiv bleiben, das heißt, Ihrem Kind auf Augenhöhe begegnen. Wichtig ist hierbei, dass Sie Ihrem Kind ruhig erklären, warum z.B. aggressives Verhalten gegenüber einem anderen Kind nicht gut ist (z.B. es tut ihm weh, wenn du ihn schlägst oder sie ist traurig, wenn sie ausgegrenzt wird).

Wichtig ist hierbei auch zu erfragen, warum sich das Kind gerade so verhalten hat. Kinder haben immer einen Grund für ihr Verhalten, auch wenn es für Erwachsene nicht nachvollziehbar ist.

6. Handlungsalternativen aufzeigen

An die oben genannte Situation schließt sich an, Handlungsalternativen aufzuzeigen bzw. je nach Alter gemeinsam zu überlegen, welches Verhalten helfen könnte, damit es dem Kind besser geht und niemand darunter zu leiden hat (z.B. sich Hilfe holen bei den Eltern/einem Erzieher/einer Lehrerin oder einen Wutball kneten oder in eine Packung Taschentücher beißen, statt andere Kinder zu schlagen).

7. Klare Grenzen und Regeln

Kind sucht Aufmerksamkeit durch negatives Verhalten

Ein weiterer Grund dafür, warum ein Kind Aufmerksamkeit durch negatives Verhalten sucht, kann sein, dass es keine klaren Grenzen und Regeln kennt oder Eltern diese Regeln nur inkonsequent durchsetzen. Dies führt dazu, dass ein Kind immer wieder versucht, die Grenzen neu auszutesten.

Wenn ein Kind aber genau weiß, welche Grenzen und Regeln bei den Eltern gelten, dass diese unumstößlich sind, da Sie als Elternteil Konsequenzen zeigen und sich die Eltern auch selbst an diese Regeln halten, wird Ihr Kind nach eventuell anfänglichem Austesten diese Grenzen internalisieren. Dann bewegt es sich innerhalb eines Gerüsts aus Regeln und Grenzen, die ihm vertraut sind und die es nach einiger Zeit nicht mehr in Frage stellen wird. Ist das Gerüst stabil, entsteht auch hier ein Gefühl Sicherheit.
Bleibt das Gerüst jedoch instabil, wird das Kind vermutlich immer wieder versuchen, dieses wackelige Gerüst einzureißen, indem es rebelliert und austestet, wie weit es gehen kann.

8. Fokus auf positives Verhalten legen und Stärken fördern

Negative Verhaltensweisen von Kindern, Einhalt gebieten und ggfs. sanktionieren ist das Eine.
Ein anderes ist, positives Verhalten ebenso zu sehen und zu stärken. Formulieren Sie Ihrem Kind gegenüber oft, was es richtig macht – das klassische Lob. So weiß das Kind, welches Verhalten erwünscht und gewollt ist und nicht immer nur, was NICHT gewollt und unerwünscht ist.

Auch ist es wichtig, den Fokus auf die Stärken des Kindes zu legen – was macht es richtig gerne, worin ist es gut? Diese Stärken auszubauen stärkt auch das Kind in seinem Selbstbewusstsein und seinem Selbstwert, da es Selbstwirksamkeit erlebt. Eine wichtige Erfahrung, die aggressivem Verhalten den Nährboden entzieht.

9. Wut nicht maßregeln, aber in geordnetem Rahmen zulassen

Wut ist ein Gefühl und wie alle Gefühle sollte auch dieses die Möglichkeit erhalten, ausgedrückt zu werden. Dennoch sollten Sie als Elternteil Grenzen setzen, so dass zum Beispiel die Wut ausgedrückt werden darf, allerdings ohne Schläge oder Tritte gegenüber anderen Personen.

Hier sollten klare Grenzen gezogen werden, was geht und was nicht mehr in Ordnung ist. So sind Schläge oder Bisse keinesfalls in Ordnung, aber das Herausschreien der Wut schon.
Sie können Ihrem Kind auch die Konsequenzen vor Augen halten, so dass das Kind weiß, was aufgrund seines Verhaltens passieren kann.

10. Selbstreflexion und ggf. ändern von eigenen Verhaltensweisen

Nicht zuletzt ist es wichtig, dass Sie sich als Elternteil immer wieder selbst reflektieren und ihr eigenes Verhalten beobachten. Wo könnte sich Ihr Kind vielleicht eine negative Verhaltensweise abgeschaut haben? Wo können Sie sich selbst noch korrigieren? Kinder sind dafür oft ein perfekter Spiegel, der auch Ihnen helfen kann, sich weiterzuentwickeln und Ihr Verhalten immer wieder neu zu justieren. Dies erfordert Mut und Ehrlichkeit gegenüber sich selbst - aber es lohnt sich.

 

Haben Sie Fragen zu diesem Thema? Gern können Sie mich hierzu kontaktieren und ein Beratungsgespräch mit mir vereinbaren.

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